„…der verdammten beschissenen Zivilisation den Kopf genau auf den Nagel geknallt. ZACK!“ (Gomelsky-Interview Teil II)

Liebe Stonerinnen und Stoner, liebe Freundinnen und Freunde unserer Homepage,

heute wollen wir nun den II. Teil (wie versprochen) unserer Interviewdokumentation aus der Stones-Zeit im „CRAWDADDY-CLUB“ mit Goiorgio Gomelsky fortsetzen. Der Teil I, den wir unter dem Zitat des Gomelsky „…dieser verdammten, beschissenen Zivilisation den Kopf genau auf den Nagel geknallt. ZACK!“, gepostet hatten, könnt Ihr durch den Klick auf den nachstehenden Link noch einmal auf- und in das Gedächtnis rufen: http://www.stones-club-aachen.de/2014/02/09/ill/  !

Und hier geht das Intervie weiter mit Gomelsky, Bill Wyman als Teil II:

„Redakteur: Mick und Keith, wie waren die damals?

Gomelsky: Alles, weißt du, Keith ist … wie ein Kind, er ist ein Baby. Meiner Meinung nach ist Keith niemals erwachsen geworden. Er befindet sich ständig im Kriegszustand. Er ist wirklich unglaublich. Er ist wie aus Gummi, er prallt überall ab und kommt wieder zurück. Keine Ahnung, wie er das macht. Würde man aus den Stones Zirkusfiguren machen, wäre Keith der Clown, der dauernd verhauen wird und immer wieder aufsteht. Mick wäre eher so etwas wie der weiße Clown. Keith war der Rhythmusgitarrist, von ihm ging diese irre Energie aus.

Redakteur: Als die Stones anfingen, in Clubs wie dem Crawdaddy zu spielen, wer war da für ihre musikalische Richtung und die Auswahl des Materials verantwortlich?

Bill Wyman: Das war eigentlich Sache von Mick, Keith und Brian. Die hörten sich den Kram ständig an und versuchten dann, die vertrackten, sich kreuzenden Jimmy Reed-Gitarrenläufe rauszukriegen. Brian hatte diese Elmore James-´Bottleneck´- Läufe und die tollen Bo Diddley Rhythmen schon sehr gut drauf. Wie du siehst, lag das fast ausschließlich in ihren Händen. Charlie und ich stiegen dann einfach nur mit ein.

Redakteur: Um die Zeit war es üblich, dass die meisten R & B-Bands nur Cover-Versionen amerikanischer Platten spielten. Kannst du dich daran erinnern, wann die Rolling Stones ihre eigene Identität entdeckten und sich nicht mehr bloß als eine Live-Musikbox ansahen?

Bill Wyman: Oh, das kann man schon sehr früh. Ich für meinen Teil ich hielt mich nicht mehr strikt daran, was Chuck Berrys Bassist spielte. Wenn wir zum Beispiel ´Talkin` `Bout You´ und andere Berry-Stücke spielten, änderten wir den Rhythmus beträchtlich. Statt den üblichen Acht-Takter zu spielen, legte Charlie einen Shuffle-Beat drüber, während wir übrigen Achtel spielten, was schon ganz schön ungewöhnlich war. Wir haben das auch auf unserer letzten Amerika- und Europa-Tour noch so gemacht, wir haben ´Let it Rock´ mit einem Shuffle und Achteln gleichzeitig gespielt.

Redakteur: Am 21. April bekamen die Stones unerwarteten Besuch.

Gomelsky: Ja, die Beatles kamen nach ihrer ersten Thank Your Lucky Stars-Show in Twickenham auf dem Rückweg über Richmond und sahen sich in meinem Club die Stones an. Die Beatles waren noch nicht ganz groß rausgekommen, sie waren so was wie Lokalmatadoren. Also jedenfalls waren wir da und hatten einen guten Draht zu ihnen, und ich sagte: `Hey Jungs, auf dem Rückweg müsst ihr unbedingt vorbeikommen und euch diese Band anhören, wenn ihr mit der Aufnahme für die Show fertig seid. Ihr müsst einfach kommen.` `Yeh, okay, wir werden kommen.´ Es war so gegen neun Uhr. Sie wollten um halb neun, neun fertig sein, also mussten sie spätestens halb zehn da sein. Ich habe den Stones bis zu jenem Abend nichts davon erzählt, bis ich von diesem Treffen zurückkam und es abgemacht war. Und die Stones waren immer so um fünf im Studio 51 fertig und kamen dann um sechs, halb sieben ins Crawdaddy, das damals noch im Station Hotel war. Ein Bier, ein Soundcheck, ein Sandwich. Und dann hab ich´s ihnen gesagt: ´Hört mal zu, heute könnte vielleicht ganz was Schönes passieren.´ ´Was?´ ´Die Beatles kommen vielleicht vorbei…´Und Brian (flüstert) ´Was? Die Beatles? Du machst doch´n Witz, nich?´ Der Club öffnete gewöhnlich so gegen sieben Uhr, die Stones spielten dann zuerst von Viertel nach acht bis neun. Dann eine Pause, um halb elf mussten sie aufhören, wenn die Sundy Pubs schließen, bis um elf muss alles draußen sein. Nja, zum ersten Set waren sie nicht erschienen. Brian kam und sagte: ´Sie sind nicht gekommen, sie sind nicht gekommen.´ Darauf sagte ich: ´Brian, ich habe dir doch gesagt, dass sie wahrscheinlich eben erst mit der Show fertig geworden sind, sie werden viertel nach neun, halb zehn hier sein. ´Damit war er dann zufrieden, er war schrecklich nervös. Als die Beatles dann vorbeikamen, verbrachten wir noch die ganze Nacht zusammen. Vier Tage später spielten die Beatles in der Albert Hall, und da hat es Brian dann gepackt. Mick ging noch auf die London School of Economics, Bill arbeitete noch in der Brauerei, und in dem Augenblick kam es Brian in den Sinn, ein Star zu werden. Brian arbeitete nicht, er ließ ein Mädchen für sich arbeiten, für acht Pfund in der Woche, er hatte ein Kind von … diesem schielenden Mädchen, einer hässlichen kleinen Göre aus Cheltenham. Ihre Wohnung war auch so eine Sache für sich. Keiths Mutter kam einmal die Woche vorbei und brachte ihm frische Hemden. Wenn wir loszogen, um Plakate zu kleben, kauften wir vorher Kleister, und oft hatten wir mehr Kleister, als wir brauchten, und der übriggebliebene Kleister wurde dann in die Badewanne gekippt, und irgendwann wuchsen dann Bäume aus dem Kleister. Es wurde einfach alles da rein gekippt, dieser Kleister fing schon an zu leben und wuchs aus der Badewanne heraus ins Badezimmer, in die Küche, überall hin, verrückt war das. Brian war sehr verzweifelt, er wollte es wirklich so schnell wie möglich schaffen, hopp, hopp, hopp, er war ungeduldig. Kurz nachdem ich ihn mit den Beatles zusammengebracht hatte, saßen wir in der Royal Albert Hall. Die Beatles hatten uns zu ihrem Konzert eingeladen. Später, als wir die Anlage raustrugen und zum Bühneneingang herauskamen, stürzten sich die Mädchen auf Brian, weil sie glaubten, er wäre einer der Beatles. Als wir dann die Albert Hall verließen, meinte Brian zu mir: ´Giorgio, genau so will ich es auch mal haben.´ Er klärte die Mädchen nicht darüber auf, wer er war oder nicht war.

Redakteur: Wie kam Mick dazu, sich von seiner Besessenheit für R & B, also von seinen Wurzeln zu lösen?

Gomelsky: Weil die Bühne für Mick ein so ungeheurer Altar, verstehst du, das Vergnügen ist! Und da begannen die Presse und all´ die anderen, sich auf ihn zu konzentrieren, und er bekam eine gewisse Macht und fand heraus, dass er für die Welt erfinden konnte, was immer er wollte! Und dann begann er, sich und die Stones als ein Konzept zu sehen, und damit verschwand die Authentizität…

Redakteur: Was war das bei den Stones, das all diesen Wahnsinn auslöste? Dieser erste Artikel von Barry May in der Twickenham Times lässt die Szene dort im Station Hotel absolut orgiastisch erscheinen.

Gomelsky: Diese Sache mit dem Ritual, weißt du, das habe ich zu unterstützen versucht, seit ich es mit Musikern zu tun habe. Das ist es, was Musik bewirken kann, es ist diese Katharsis, diese Reinigung und diese Gemeinsamkeit, eine Art gemeinsamer Orgasmus. Ich meine das wörtlich, ich habe solche Leute gesehen. Schade, dass es davon keine Fotos gibt. Alsowir dann das Crawdaddy vom Station Hotel in die Halle der Richmond Athletic Association verlegt hatten, gab´s so etwas wie eine Tribüne, Platz für 500 bis 1200, die Bühne bildeten Bierkästen mit Brettern oben drauf. Meistens musste man die Bierkästen und die Bretter noch selber mitbringen und erst mal die Bühne aufbauen. Was für ein erfreulicher Anblick, wenn man einen Musiker sieht, der seinen Verstärker selber trägt, aber heutzutage…

Redakteur: Diese Faszination muss doch noch andere Ursachen haben.

Gomelsky: Du wirst wieder ein Schamane, wieder ein Priester, ein Heiler, das sollte ein Musiker meiner Meinung nach auch sein, er sollte erst erschrecken und dann heilen. Das ist der Prozess der Kunst: dich erschrecken, dich deiner Bezugspunkte berauben und dir neue geben, falls du lange genug nach ihnen Ausschau hältst. Sehen, was es zu sehen gibt. Irgendwie ist es das, was die Stones und die ganze Bluesbewegung in England bei mir bewirkt haben: sie als sozialpsychologisches Phänomen zu betrachten. Es herrschte eine Einsamkeit des Empfindens, und das erzeugte eine gewisse Kraft, eine Bestätigung, die sich vollkommen natürlich entwickelte. Sie war nicht aufgesetzt, war nicht erziehungsbedingt, sondern entwickelte sich einfach aus dem inneren Bewusstsein der Leute zu jener Zeit. Und die Musik sollte das bei den Leuten zu Tage treten lassen.“

Hier lassen wir den Teil II. des Interviews enden. Der abschließende Teil III wird in Kürze folgen. Darin kommen dann neben Gomelsky, Andrew Loog Oldham und Keith Richards zu Wort hoffen, dass das mit dem „Fortsetzung folgt“ bei Euch auch ein klein wenig Spannung mehr erzeugt.

Manni Engelhardt –Club-Manager-

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